Kurzgeschichten


»Was Kurzes« (unveröffentlicht)


»Eine herrliche Woche« (in der Anthologie »Gedacht - Gesprungen - Geschrieben« - Eine Werkschau der Schreibwerkstatt Godesberg / »Die Schattenspringer«; Kid Verlag, Bonn)


»Fast eine Reise zum Mittelpunkt der Erde« (in der Anthologie »Gedacht - Gesprungen - Geschrieben« - Eine Werkschau der Schreibwerkstatt Godesberg / »Die Schattenspringer«; Kid Verlag, Bonn)


»Baukauer Paradies« (unveröffentlicht)


»Fünfundvierzig Minuten« (unveröffentlicht)


Was Kurzes


»Haben Sie nicht was Kurzes?«, fragte sie den Verkäufer. »Dieses lange Ding geht doch überhaupt nicht!«


Er schaute sie irritiert und fragend an. »Was Kurzes? Was meinen Sie denn damit? Etwas Kürzeres als das hier gibt es doch gar nicht. Mir ist jedenfalls bislang noch nichts Kürzeres begegnet.«


»Sie kennen gar nichts Kürzeres? Du meine Güte! Was ist denn das hier für ein Laden? Sie haben wirklich noch nie etwas Kürzeres gesehen? Ich fasse es nicht!«


Sie schien außer sich, und man sah ihr an, dass sie den Laden auf der Stelle verlassen würde, wenn jetzt nichts  Kürzeres  auf den Tisch kam.  Wenn er es verhindern wollte,  musste ihm  schnell  etwas einfallen. Er wollte die hübsche junge Frau auf keinen Fall aus seinem Laden vertreiben. Mindestens sollte sie Irgendetwas bestellen, damit er ihren Namen erfragen konnte.


Und dann hatte er die Idee: Er nahm das kleine Lyrikbändchen in die Hand und begann, Seite für Seite herauszureißen. Er schaute sie dabei liebevoll an und sagte mit fester Stimme: »Sagen Sie ›STOP‹, wenn es kurz genug ist!«


Als er bei der letzten Seite angelangt war, einem kleinen Liebesgedicht von herzzerreißendem Schmelz, rief sie – nein, sie hauchte: »STOP«, und sie sah ihn lächelnd an. »Na also«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »geht doch!«


Und sie blieb noch auf eine Tasse Kaffee im Buchladen – vielleicht auch länger …


Eine herrliche Woche

 

Er wollte einfach nur raus, raus aus diesem fürchterlichen Alltagstrott. Jeden Tag musste er sich durch diese Berge von Steuererklärungen kämpfen, Belege überprüfen, Daten auf Plausibilität befragen – und immer mit dem sicheren Gefühl, doch nicht alles zu entdecken, was man ihm da unterschummeln wollte.

 

Für eine Woche war jetzt Schluss damit. Eine Woche Sylt, das hatte er sich redlich verdient. Und er verspürte schon während der langen Zugfahrt eine unbändige Vorfreude. Es würde eine herrliche Woche werden. Das Wetter war gut, die Sonne schien zum Fenster des Bahnwaggons hinein. Am blauen Himmel tummelten sich vereinzelte weiße Schäfchenwolken. Und wenn die Wetterfrösche Recht behalten sollten, dann würde es die gesamte Woche über so schön bleiben.

 

Als der Zug über den Hindenburgdamm fuhr, fühlte er sich wie erlöst. Er empfand es wie eine Flucht in die Freiheit. Doch dann bemerkte er ein merkwürdiges Ruckeln. Und fast schien es ihm, als würde sich der Waggon ein wenig zur Seite neigen. Irgendetwas stimmte da nicht, ging es ihm durch den Kopf.

 

***

Wie lange hatte sie darauf warten müssen? Nahm dieser Mensch denn überhaupt keinen Urlaub? Endlich war es jetzt so weit. Zwar nur eine Woche – aber immerhin.

 

Wie schön das war, wenn sie morgens ins Büro kam und nicht in dieses mürrische Gesicht schauen musste. Endlich konnte sie sich ungestört mit den Steuererklärungen befassen, und vor allem konnte sie auch hin und wieder mal ein Auge zudrücken, wenn ihr es angemessen schien, und zwar ohne dass dieser penetrante Miesepeter ihr dazwischen funkte. Angemessen fand sie die zugedrückten Augen zumeist dann, wenn es sich um ledige junge Männer handelte, die offenkundig nicht im Geld schwammen, und die vor ihrem geistigen Auge ein sympathisches Aussehen entwickelten. Wie diese Männer das genau schafften, und warum anderen das nicht gelingen wollte, hätte sie gar nicht sagen können. Sie kannte die Männer ja gar nicht. Aber es war einfach so, und sie wollte es auch gar nicht hinterfragen.

 

Eine herrliche Woche würde das werden! Ach, könnte es doch immer so sein, dachte sie. Sie öffnete ihre Schreibtischschublade und holte die Puppe heraus. Dann nahm sie die große Stahlnadel in die Hand und bohrte sie der Puppe durch die Brust. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein wunderschönes Bild. Wie der Hindenburgdamm unter der schwerer werdenden Last des Zuges begann nachzugeben, wie erste größere Brocken den Bahndamm hinunter rollten. In der Mitte des Zuges löste sich ein Waggon aus dem Verbund und neigte sich ganz langsam zur Seite. Und dann rutschte er mit einem Gemisch von Schotter und Erde aus dem Damm mit dem Dach voran in die schlammigen Fluten.

 

Es würde eine herrliche Woche werden …



Baukauer Paradies

 

Da stand er nun in der abschüssigen Einfahrt zum Hof seiner Kindheitserinnerungen – neben ihm der junge Student, der eine Diplomarbeit über die Geschichte der Bergarbeitersiedlungen im Ruhrgebiet schrieb und der ihn vor wenigen Tagen um ein Interview gebeten hatte. Bergarbeitersiedlungen – war denn dieser große Wohnblock, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, wirklich eine Bergarbeitersiedlung? Bei Bergarbeitersiedlungen dachte man doch gewöhnlich eher an diese idyllischen kleinen Doppelhäuschen, immer mit einem ordentlichen Nutzgarten dahinter, und wenn es irgendwie möglich war, auch mit einem kleinen Schweinestall oder doch zumindest Kaninchenkäfigen. In einer solchen Siedlung, die inzwischen – natürlich in generalüberholter Form – zu begehrten Immobilien geworden waren, hatte er seine Kindheit nicht verbracht. Nein, es war ein viergeschossiger Wohnblock gewesen, den man entlang von drei Straßenzügen in der Form eines großen Dreiecks angelegt hatte – mit einem großen, gemeinschaftlich genutzten Innenhof.

 

Aber viele Bergleute hatten hier schon gewohnt, anfangs waren sogar fast alle Wohnungen von ihnen bezogen worden. Ja, damals gab es ja auch noch viele Zechen in Herne, und auch im Stadtteil Baukau waren unzählige Bergarbeiterfamilien zu Hause. Heute gab es in Herne keine einzige Zeche mehr. Schon vor mehr als dreißig Jahren waren hier die letzten Zechen dichtgemacht worden.

 

»Da in der Mitte stand ein großer Baum«, sagte er leise und zeigte auf ein paar hässliche Garagenboxen. »Merkwürdig – wie klein das heute wirkt. Es stehen ja nur ein paar Garagen da. Ich hätte schwören können, dass hier Platz für hundert Garagen gewesen wäre. Wir haben uns damals ja gar nicht in die fremden Ecken dieses riesengroßen Dreiecks getraut. Uns gehörte nur diese Ecke hier. In der Einfahrt sind wir mit unseren Tretrollern herunter gesaust, und im Winter gab es hier eine wilde Schlinderbahn. In jedem Mai fand im Hof ein Kinderfest statt, mit Kakao und Kuchen. Da wurden lange Reihen aus Tapeziertischen in den Hof gestellt und mit bunten Tischdecken dekoriert. Es gab Sackhüpfen und Eierlaufen und ein Gewimmel von Kindern und Erwachsenen. Dann konnten wir auch die zweite Ecke des Dreiecks erobern, diese dort rechts. Die Tische standen ja an der gesamten Häuserreihe entlang.«

 

»Und die dritte Ecke?«, fragte der Student.

 

»Die blieb fernes Land. Das war schon der Übergang in die Welt der feineren Leute, die etwas auf sich hielten, städtische Beamte, Büroangestellte. Einige von denen besaßen sogar schon Autos.«

 

»Dann wurde Ihr Horizont bei diesen Festen aber doch wenigstens um eine Ecke erweitert?«

 

»Wo denken Sie hin! Wenn wir denen gezeigt hatten, dass wir besser im Sackhüpfen waren, war die Sache erledigt. Dann blieben wir wieder schön in unserer vertrauten Ecke des Dreiecks. Es gab ja auch genügend Kinder hier.

 

Bei den Erwachsenen war das anders. Die kannten sich auch über die Ecken hinweg. Viele von ihnen fuhren auf derselben Zeche ein – ›Julia / Von der Heydt‹, nur ein paar Gehminuten von hier. Mit den feinen Pinseln aus Ecke 3 wollte aber auch von denen kaum einer was zu tun haben. Auf die wurde entweder mit Spott heruntergeschaut, oder mit Neid hinauf – eigentlich immer beides zugleich.

 

Abends kam bei diesen Festen dann Bier und Schnaps auf die Tische, Wurstbrote und Frikadellen. Das endete selten ganz friedlich. Irgendwann spät in der Nacht wurden wir meistens von lautem Geschrei geweckt, und am nächsten Morgen gab es überall ein Getuschel, dass bei dem Fest etwas ganz und gar Unanständiges passiert sein musste.«

 

»Aber für die Kinder war das hier doch eine Idylle, nicht wahr?«, fragte der Student.

 

»Ja, vielleicht, aber wohl nur deshalb, weil wir am Leben der Erwachsenen gar nicht teilhaben durften. Es wurde ja alles tabuisiert und von uns fern gehalten. Manches ließ sich nicht unter der Decke halten. Wenn in der Wohnung über uns der arbeitslose Schreiner mal wieder gesoffen hatte, und ein fürchterliches Geschrei losging, hätten meine Eltern zwar auch dafür gerne eine ›kindgerechte‹ Erklärung gefunden, aber wenn Frau Lohse dann mit roten und blauen Flecken im Gesicht heruntergestürmt kam und sich in unserer Küche ausheulte, konnte uns das ja kaum entgehen. Oder da drüben in der zweiten Etage, diese verwirrte Frau, die immer Geld aus dem Fenster in den Hof warf, und dabei unverständliches Zeug rief. Uns war eingebläut worden, das Geld aufzusammeln und dann vollzählig

ihrer Mutter zurückzubringen. Was wir auch jedes Mal taten – manchmal einen Groschen zu wenig, den wir an der Selterbude in Lakritz oder Esspapier tauschten.

 

Da drüben lebten Oma und Opa. Dass Opa schon mit Mitte Fünfzig wegen seiner Steinstaublunge zum Invaliden wurde und tagsüber nur noch in der Küche auf der Chaiselongue lag, das habe ich damals gar nicht richtig wahrgenommen. In Omas Küche war es immer gemütlich, und Opa störte ja auch nicht. Er lag eben da – warum auch immer. Mein Gott, wenn ich das damals in seiner ganzen Dimension begriffen hätte, wäre mir die Idylle hier wahrscheinlich schon früh vergangen.«

 

Der Student hätte wohl gern eine andere Antwort gehört, denn er hakte nach: »Aber es gab doch in der Siedlung sicher einen starken Zusammenhalt, soziales Leben, oder nicht?«

 

»Ja, es gab hier einen starken Zusammenhalt, zumindest unter den Bergleuten. Aber es gab eben auch viel Elend, Schicksale, die niemand hätte teilen wollen und bei denen hier auch niemand wirklich helfen konnte. Da drüben zum Beispiel wohnten zwei alternde Jungfern, die keinen Mann finden konnten – Nachkriegszeit, Frauenüberschuss. Ihre Eltern waren verstorben, der Vater auch ein Steinstaubopfer, und die beiden mussten sich ohne Ausbildung und Beruf durchschlagen. Die eine durfte wenigstens hin und wieder im Konsum aushelfen. Ansonsten boten sich die beiden in der Nachbarschaft als Putzhilfen an. Aber wer suchte hier eine Putzhilfe? Das konnte sich doch keiner leisten. Dreihundert Meter weiter, in der Villensiedlung, hätten sie vielleicht eine Putzstelle gefunden, aber das war für die beiden eine fremde und verschlossene Welt. Also, mit einem schönen Beitrag zur Ro­mantik von Bergarbeitersiedlungen kann ich Ihnen nicht so recht dienen.«

 

Er wandte sich zum Gehen, und der Student folgte ihm unwillig. Als sie unter der Autobahnbrücke hindurch waren, hielt er inne. »Schauen Sie, dieser schöne Nordpark! Wissen Sie, warum ich mit Ihnen hierher gegangen bin?«

 

Der Student schaute ihn fragend an. »Weil Sie nach der Kindheitsidylle gefragt haben. Meine ist hier«, sagte er versonnen. »Nein, nicht der Park!« rief er, als er den ungläubigen Blick des jungen Studenten bemerkte. »Zu meiner Kindheit gab es hier weder die Autobahn noch den Park. Das gesamte Gelände hier war eine riesige Brache, Sumpfgebiet. Hier konnten wir Frösche und Lurche fangen. Es war ein Ausflug in die grenzenlose Wildnis. Als dann der Park angelegt wurde, fanden wir Kinder das zwar auch spannend, aber so schön wie in dieser versumpften Brache wurde es nie wieder.«

 

Und als sie ein paar Schritte auf die Wiese machten, die noch nass vom letzten Regen war, da entdeckte er diesen braunen Lurch, der sich auf einem Stein sonnte. Er schlich sich an, und mit schnellem und sicherem Griff bekam er den Lurch zu fassen. Leise murmelte er vor sich hin: »Wir waren hier im Paradies …«



Mein Leben als Multimillionär

 

Neulich war ich wieder einmal kurzzeitig Multimillionär. Es war nicht das erste Mal. Ich habe schon Erfahrung im Multimillionär Sein. Dennoch bin ich immer wieder überrascht, wo meine Vorfahren überall zu Hause waren. Mal erhalte ich E-Mails aus Kenia, mal Faxe aus Argentinien, und einmal war es sogar ein korrekt frankierter Brief aus den USA. Überall versterben engste Verwandte, von deren Existenz ich bislang nichts wissen konnte, da sie offenbar alle Brücken in ihre alte Heimat abgebrochen hatten.

 

Früher wäre es wahrscheinlich gar nicht dazu gekommen, dass ich von den vielen Millionen Dollar, Peso oder Schilling erfahren hätte. Aber die heutigen Recherche- und Kommunikationsmittel ermöglichen es zuverlässig, dass ich als letzter verbliebener Erbe des reichen Verwandten in Übersee ausgemacht werde. Dann genieße ich das Multimillionär Sein gern und ausgiebig. Ich stelle mir vor, wie Onkel Adalbert auf seinem Sterbebett, von Reichtum und Einsamkeit gequält, verzweifelt daran gedacht hat, dass sein hart erarbeiteter Wohlstand nun ungewollt einfach den Staatskassen zugeführt wird, statt unverhoffte Freude bei seinen Nachkommen auszulösen.

 

Doch da helfen findige Anwaltskanzleien oder auf Ahnenforschung spezialisierte Detekteien, Onkel Adalberts letzten Wunsch doch noch zu erfüllen, und erstaunlicherweise finden sie dabei sehr oft – mich. Meine Familie verfügt ganz offenbar über eine weit verzweigte und äußerst bewegte Vergangenheit. Ich freue mich dann über den unverhofften Reichtum und gehe beschwingt meinen Alltagstätigkeiten nach. Wenn Onkel Adalbert nur sehen könnte, welche Freude er mir bereitet hat! Allerdings endet mein Multimillionär-Dasein – jedenfalls bislang – stets nach wenigen Tagen, weil die Frist verstreicht, bis zu der ich die Benachrichtigungsgebühr oder andere kleinere Auslagen der engagierten Erbenforscher hätte begleichen sollen. Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass Onkel Adalbert diese vernachlässigbaren Beträge von zumeist wenigen Hundert Euro, manchmal sogar nur zehn Euro, nicht selbst hat vorstrecken wollen. Das Millionenerbe eines derartigen Geizhalses anzutreten, ist mir zuwider. Und so lasse ich diese Fristen regelmäßig verstreichen und mache meine berechtigten Ansprüche gar nicht geltend.

 

Doch ist das letzte Wort in dieser Sache bestimmt noch nicht gesprochen. Vielleicht erweist sich ja einer der nächsten unverhofften Millionärs-Onkel als weitsichtiger und generöser. Dann will ich auch gerne längerfristig Multimillionär bleiben. Meine Hoffnung liegt auf Onkel Kunibert aus Arizona. Ob er sich rechtzeitig daran erinnern kann, dass er Nachkommen in Deutschland hat?



Fünfundvierzig Minuten

 

Vanessa Hilpert schaute entsetzt auf die Anzeigetafel. Fünfundvierzig Minuten Verspätung jetzt. Angefangen hatte das Ganze mit der Ankündigung, dass der ICE nach Bonn circa fünfzehn Minuten später eintreffen würde. Das hätte sie noch gut verkraften können. Als dann daraus dreißig Minuten wurden, war ihr schon klar, dass sie ihr Bewerbungsgespräch nicht mehr pünktlich erreichen würde. Und nun nochmal fünfzehn Minuten Verspätung mehr! Diese Bahn konnte einen aber auch zur Verzweiflung bringen. Ja, sie hätte eine Stunde eher fahren sollen. Dann wäre auf jeden Fall genügend Luft in ihrem Plan gewesen. Aber die Vorstellung, dann wahrscheinlich eineinhalb Stunden in Bonn auf das Bewerbungsgespräch warten zu müssen, hatte sie abgeschreckt.

 

Und nun das! Vanessa würde in Bonn anrufen müssen. Wie peinlich das war: eine Verspätung beim Bewerbungsgespräch. Eigentlich konnte sie sich die Reise sparen. Wer würde jemanden einstellen, der es nicht einmal schafft, pünktlich zu so einem wichtigen Termin zu erscheinen? Und dann auch noch in aller Hektik und verschwitzt dort aufzulaufen. Wenigstens hatte sie wegen des schwülwarmen Wetters eine frische Bluse in ihre Tasche gepackt. Die könnte sie dann im Zug wechseln, bevor sie in Bonn ankommen würde. Gut, dass sie nicht wirklich auf diesen Job angewiesen war: Assistentin des Geschäftsführers bei der Baumaschinenfirma Douter&Bangle. Aber schön hätte sie es doch gefunden, denn ihre gegenwärtige Arbeitsstelle als Finanzbuchhalterin bei einer Brauerei in Dortmund war inzwischen doch recht eintönig geworden. Sie war noch niemals zuvor in Bonn gewesen, aber nach allem, was sie gehört hatte, musste Bonn eine schöne und liebenswerte Stadt sein.

 

Aber wahrscheinlich konnte sie Bonn und den neuen Job jetzt abhaken – und das nur wegen der unpünktlichen Bahn. Gerade als sie in ihrer Handtasche nach dem Handy suchte, hörte Vanessa ein paar Meter entfernt von sich einen geschniegelten jungen Mann telefonieren, der ganz offenbar ebenso wie sie auf den verspäteten Zug wartete: »Ja, liebe Frau Bertram, ich kann es aber doch auch nicht ändern. Dann stellen Sie der netten Dame bitte einen warmen Kaffee und ein paar Plätzchen hin … Ja, dann wird sie auf das Bewerbungsgespräch leider ein paar Minuten warten müssen. Mein Gott, Frau Bertram, jetzt lassen Sie doch einfach ihren wunderbaren Charme spielen und machen Sie der Dame bitte klar, dass nur die Bahn Schuld an der Verzögerung ist … Ja, sicher, ich weiß – natürlich hätte ich einen Zug eher fahren können – aber wer denkt denn an sowas? Fünfundvierzig Minuten! … Ja klar, ich melde mich, wenn ich am Hauptbahnhof ankomme. Der Peters soll aber bitte auf jeden Fall rechtzeitig da sein … okay, tschüss dann.«

 

Ging es da vielleicht um ihr eigenes Bewerbungsgespräch? Natürlich konnte es auch um einen ganz anderen Termin gehen, aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass Sie selbst gerade Gegenstand des Telefonats gewesen war, war nicht von der Hand zu weisen. Man kann ja nie wissen, vielleicht hat diese Verspätung sogar die besten Nebeneffekte, dachte Vanessa und stellte die Suche nach ihrem Handy erst einmal ein. Sie dachte jetzt daran, abzuwarten und zu schauen, wo sich der junge Mann hinsetzen würde. Dann würde sie einfach ihm gegenüber Platz nehmen – jedenfalls, wenn dort frei sein sollte. Und wenn sonst auch alles frei wäre? Dann würde sie eben demonstrativ auf die Platznummern schauen und so tun, als sei genau dies ihr reservierter Sitzplatz. Das würde bestimmt keinen Argwohn erwecken. Dann müsste sie nur noch herausbekommen, ob der Unbekannte wirklich für ihr Bewerbungsgespräch vorgesehen war. Wenn das der Fall wäre, könnte sie während der Fahrt bestimmt Punkte machen, und die Verspätung hätte sich dann sowieso erledigt …

 

***

Andreas Persowski hatte es gehörig die Laune verhagelt. Dass er sich aber auch von seiner Sekretärin hatte überreden lassen, mit der Bahn nach Dortmund zu fahren. Frau Bertram hatte ihm vorgehalten, dass Herr Peters, sein Chauffeur, inzwischen so viele Überstunden angesammelt hatte, dass an einen vernünftigen Abbau in den nächsten Monaten überhaupt nicht zu denken war. Und die kurze Strecke nach Dortmund könne er doch wirklich mal mit der Bahn absolvieren, hatte sie gemeint. Peters würde ihn zum Hauptbahnhof bringen und auch pünktlich wieder abholen. Terminschwierigkeiten könnten sich da eigentlich überhaupt nicht ergeben. Keine Terminschwierigkeiten! Und was war das jetzt? Fünfundvierzig Minuten!

 

Endlich hatte Persowski sein Abteil gefunden. Wenn er die Chance hatte, dann wählte er bei Bahnfahrten gern diese alten Abteilwagen. Meistens waren sie nicht so voll wie die modernen Großraumwagen, und vor allem waren sie viel ruhiger. Wenn wirklich mal jemand telefonierte, dann tat er es im Abteil nur sehr kurz. Oder, wenn es länger dauerte, ging er hinaus auf den Gang und störte die anderen Fahrgäste nicht. In diesen Großraumwagen war das ganz anders. Da telefonierte jeder Trottel so laut, dass alle Welt unbedingt zu hören bekam, was für ein wichtiger und unverzichtbarer Manager er war. Persowski hasste dieses Schautelefonieren. Er setzte sich ans Fenster, auf seinen reservierten Sitzplatz, und holte die Kopien der Bewerbungsunterlagen aus der Tasche. Glücklicherweise war er ganz allein im Abteil – wenigstens das.

 

Er hatte gerade die Bewerbungsunterlagen auf seinem Schoß abgelegt, da wurde die Tür von außen wieder aufgeschoben, und eine junge Dame machte einen Schritt ins Abteil. Sie trat zurück und schaute draußen nochmals auf die Sitzplatznummern, dann aber trat sie entschlossen ein und sagte »Guten Morgen!« Persowski erwiderte den

Gruß, und die Dame setzte sich direkt ihm gegenüber auf den zweiten Fensterplatz, obwohl alle anderen Sitzplätze auch frei waren. Aber so war das eben – er selbst machte es ja auch nicht anders. Da konnte der Zug völlig leer sein, aber wenn man reserviert hatte, suchte man nach genau diesem reservierten Platz. In gewisser Hinsicht war das ja auch zu verstehen. Denn wer garantierte, dass nicht später irgendwer kommen würde und genau den Sitzplatz, auf den man sich gesetzt hatte, weil er frei gewesen war, zu seinem erklärte – wild mit einem Computerausdruck der Bahn fuchtelnd. Persowski hatte also ein gewisses Verständnis dafür, dass die Dame ihm gegenüber Platz nahm, obwohl es dadurch für beide enger wurde. Er wollte aber nicht gänzlich ausschließen, dass seine milde Sicht auf dieses Verhalten auch dadurch gestützt wurde, dass die junge Dame außergewöhnlich hübsch aussah und für die kommende Stunde immerhin einen wohltuenden Anblick versprach.

 

Persowski bemerkte jetzt, dass die junge Frau ihm gegenüber ziemlich verschwitzt aussah. Ihre Bluse zeigte unter den Achseln große feuchte Flecken, und ihr leichter Schweißgeruch machte sich im Abteil breit. Allerdings war es ein Schweißgeruch, der Persowski nicht unangenehm war, ein dezenter, milder, leicht süßlicher Geruch – nicht so ein penetrantes Gestinke, auf das man bei diesem schwülen Wetter häufiger traf, und das vor allem auf mangelnde Körperpflege hindeutete. Nein, den mild-süßlichen Geruch dieser Frau mochte Persowski sogar, und er sog den Duft der Frau bewusst ein, ohne dass dies zu auffällig hätte wirken können. Jetzt schaute er nochmals auf und sah, dass sie intensiv auf die Unterlagen schaute, die er auf dem Schoß liegen hatte.

 

***

Der junge Mann verschwand in einem Abteil, und Vanessa ging zunächst daran vorbei, um zu schauen, ob das Abteil auch hinreichend leer wäre. Sie hatte Glück. Außer ihm saß niemand in dem Abteil. Vanessa spürte, dass sie vor Aufregung noch stärker zu schwitzen begann, als es wegen des warmen Wetters ohnehin schon der Fall gewesen war. Egal – jetzt gab es kein Zurück mehr. Vanessa öffnete die Tür und wollte eintreten. Sie stoppte. Verdammt, fast hätte sie vergessen, demonstrativ auf die Sitzplatznummern zu schauen. Sie trat noch einmal zurück und holte das nach. Dann ging sie entschlossen in das Abteil, sagte »Guten Morgen!« und setzte sich dem jungen Mann gegenüber ans Fenster. »Na, auch auf einer Dienstreise?«, wollte Vanessa gerade fragen, als sie die Bewerbungsunterlagen sah, die er auf dem Schoß liegen hatte. Ganz obenauf lag ihr eigenes Bewerbungsschreiben. Glücklicherweise hatte der Kopierer aus ihrem hübschen Lächel-Lichtbild ein grau-schwarzes Rätselbild gemacht, sonst hätte er sie unweigerlich erkennen müssen. So aber konnte sie sich sicher fühlen. Ihre Fragen musste sie gar nicht mehr stellen. Jetzt hieß es, strategische Position zu beziehen und bei dem jungen Manager zu punkten.

 

***

Als Persowski sah, dass die Frau gebannt auf die Unterlagen auf seinem Schoß schaute, wurde er etwas verlegen. »Tja, man muss heutzutage jede Minute nutzen, nicht wahr? Ich bin mal wieder ein Opfer unserer permanenten Arbeitsverdichtung. Die Unterlagen muss ich bis Bonn durchgesehen haben.« Persowski hoffte, dass er damit ein hinreichend klares Signal ausgesendet hätte, nunmehr ungestört seine Unterlagen studieren zu wollen. Aber die hübsche Frau ihm gegenüber dachte offenbar gar nicht daran, ihn ungestört zu lassen. »Ach, Sie fahren auch bis Bonn?«, fragte sie, und Persowski sah auf. Er schaute die hübsche Frau nun etwas aufmerksamer an, und er musste sich eingestehen, dass ihr Aussehen ihn faszinierte. Die langen blonden Haare seiner Reisebegleitung funkelten in der schräg ins Abteil scheinenden Sonne. Mit ihrem hübschen ovalen Gesicht, mit ihren vollen Lippen und den kleinen, verschmitzt wirkenden Grübchen, die ihre Wangen zierten, wenn sie lächelte, zog sie ihn geradezu

in ihren Bann. Persowski musste sich überwinden, um nochmals anzuheben, denn er wollte der hübschen Frau gegenüber auf keinen Fall unhöflich wirken: »Ja, ich fahre auch nach Bonn, und ich muss tatsächlich bis Bonn diese Unterlagen studiert haben, sonst gehe ich unvorbereitet in einen wichtigen geschäftlichen Termin.« Persowski hatte erwartet, dass die Unterhaltung damit vorläufig beendet war, denn deutlicher konnte man eigentlich kaum sagen, dass man seine Ruhe haben wollte, ohne dass man ausfallend wurde. Aber die junge Dame wollte die Unterhaltung keineswegs beenden. »Wohnen Sie in Bonn?«, fragte sie nun, und ohne die Antwort abzuwarten, plapperte sie gleich weiter: »Ach, Bonn muss ja doch eine sehr schöne Stadt sein. Ich war leider noch niemals dort. Kennen Sie sich in Bonn aus?« – »Ja«, antwortete Persowski, nun schon mit einem unverkennbar genervten Unterton, »ich kenne mich in Bonn ganz gut aus, und ich wohne und arbeite dort – zumindest, wenn ich in meinem Büro sitze. Sonst muss ich auch schon mal im Zug arbeiten, was natürlich nur möglich ist, wenn man mich lässt.« Offenbar hatte die Frau jetzt endlich verstanden, denn sie blickte nun mit beleidigter Miene demonstrativ aus dem Fenster. Persowski konnte endlich beginnen, die Bewerbungsunterlagen zu studieren. Aber die hübsche junge Frau wollte ihm nicht gleich aus dem Kopf weichen. War er zuletzt zu schroff gewesen und hatte sie mit seiner schnippischen Antwort wirklich beleidigt?

 

***

Vanessa hörte den jungen Mann eine etwas ungelenke Entschuldigung brabbeln. Arbeitsverdichtung! Mein Gott, was für ein Management-Getue! Aber sie wollte die Chance dieser Bahnfahrt auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen. Er hatte gerade gesagt, dass er bis Bonn fahren würde. »Ach, Sie fahren auch nach Bonn?«, fragte Vanessa mit unschuldiger Miene. Wieder hob ihr Gegenüber an, ihr klarzumachen, dass er ungestört bleiben wollte. Vanessa überlegte, wie dieser Eisblock wohl zu knacken wäre. Es musste doch irgendwie möglich sein, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. »Wohnen Sie in Bonn?«, fragte sie rasch, und schloss gleich in der Hoffnung an, ihn vielleicht an seiner lokalpatriotischen Seite fassen zu können: »Ach, Bonn muss ja doch eine sehr schöne Stadt sein. Ich war leider noch niemals dort. Kennen Sie sich in Bonn aus?« Er aber blieb unnahbar und war offenkundig bereits genervt von ihren Small Talk-Versuchen. Er machte unmissverständlich klar, dass er nun ungestört seine Unterlagen studieren wollte. Vanessa blieb nichts anderes übrig, als zunächst einmal mit künstlich beleidigter Miene aus dem Fenster zu blicken, und darauf zu hoffen, dass ihn das wenigstens ein wenig beeindruckte.

 

***

Persowski begann nun, die Unterlagen auf seinem Schoß zu studieren. Blatt für Blatt nahm er in die Hand, und je mehr er sich in die Bewerbungsunterlagen vertiefte, desto mehr lösten sich seine Gedanken von der Frau ihm gegenüber. Plötzlich aber wurde er jäh aus seiner Gedankenwelt gerissen, denn sie fragte ihn unvermittelt: »Und? Alle Unterlagen schon durchgesehen? Wer soll es denn werden?« Die Frau hatte allerdings wohl gar keine Antwort auf ihre Frage erwartet, denn sie fuhr gleich fort: »Ich schlage mal vor, Sie nehmen die nette junge Dame, die obenauf lag.« Persowski lief rot an. Woher konnte diese Frau wissen, wer die Bewerber waren? Aber er brauchte nicht länger darüber zu rätseln, denn die junge Frau kam nach einer kleinen Kunstpause damit heraus: »Ich kenne die junge Frau wirklich gut, und ich kann sie Ihnen nur allerwärmstens empfehlen. Es ist doch Vanessa Hilpert, nicht wahr?« Persowski spürte, dass er jetzt puterrot im Gesicht sein musste. »Ja«, stammelte er verlegen, »es handelt sich um Frau Vanessa Hilpert. Darf ich fragen, wie Sie darauf kommen, und was Sie mit Frau Hilpert verbindet?« – »Dass es sich um Vanessa handeln muss, habe ich an dem Foto erkannt. Auch wenn es durch das Kopieren etwas undeutlich geworden ist, habe ich Vanessa darauf jedenfalls sofort erkannt. Und außerdem weiß ich ja, dass sie sich in Bonn bei Douter&Bangle beworben hat. Ich nehme an, Sie arbeiten bei Douter&Bangle? Persowski nickte hektisch, und dann fragte er erneut: »Und was verbindet Sie mit Frau Hilpert?« – »Ich kenne Vanessa schon eine Ewigkeit, wir haben sowohl beruflich als auch privat viel miteinander zu tun. Ich arbeite auch zurzeit ganz eng mit ihr zusammen.« – »Aha«, nahm Persowski den Faden auf, »dann arbeiten Sie also auch in dieser Brauerei?« – »Ja«, gab die junge Frau zurück, »wir arbeiten dort Hand in Hand in der Finanzbuchhaltung. Und ich kann Vanessas Arbeit wirklich beurteilen wie niemand anderer. Glauben Sie mir, mit Vanessa würden Sie einen echten Hit landen. Gewissenhaft, sorgfältig, fleißig, sie schaut nicht auf die Uhr, wenn’s mal mehr zu tun gibt, und außerdem hat sie es überall, wo ich mit ihr zusammen gearbeitet habe, geschafft, für ein wunderbares Betriebsklima zu sorgen.«

 

»Gut«, sagte Persowski, »ich kann ja verstehen, dass Sie sich für Ihre Kollegin oder Freundin so ins Zeug legen. Aber der Job, um den es hier geht, ist doch ein anderes Kaliber als die Finanzbuchhaltung einer Brauerei.« – »Ich bin ganz sicher, dass Vanessa genau die Richtige für den Job wäre. Eine bessere Assistentin als Vanessa könnte sich Ihr Geschäftsführer gar nicht ausmalen. Glauben Sie mir, sie wäre wie geschaffen für diesen Job. Aber Sie werden sie ja nachher auch selber kennenlernen. Denken Sie dann an meine Worte.« Persowski wollte sich von seiner Mitreisenden eigentlich nicht in ein solches Gespräch über die Bewerbungen hineinziehen lassen, aber nun fragte er ganz unwillkürlich nach, so als sei er bereits in einem Bewerbungsgespräch gelandet: »Und hat Frau Hilpert denn überhaupt keine Schwächen?« – »Nein«, antwortete die junge Frau, ohne zu zögern. »Vanessa hat keine wirklichen Schwächen, wenn man von dieser Kleinigkeit absieht, die sie mit mir gemeinsam hat.« Persowski schaute die Frau aufmerksam und mit fragendem Blick an. »Nun«, fuhr diese fort, »wenn sie aufgeregt ist, beginnt sie schnell

zu schwitzen – so wie ich ja auch gerade. Das ist ihr dann auch immer genau so unangenehm wie mir jetzt …«. Und dabei begann die junge Frau, mit ihrem offenen freundlichen Gesicht vor sich hin zu kichern. Persowski fiel in seiner Verlegenheit nun nichts anderes ein als: »Ach, das muss einem doch überhaupt nicht unangenehm sein. Das ist doch nur allzu menschlich. Und außerdem, wenn Frau Hilpert dabei so gut riecht wie Sie jetzt gerade …« – »Ja, ich weiß«, fiel ihm die junge Frau ins Wort, »ich stinke wahrscheinlich hier die ganze Zeit vor mich hin, und Sie müssen das geduldig ertragen. Tut mir wirklich leid. Aber die frische Bluse, die ich in der Tasche habe, ziehe ich erst in Bonn an, kurz vor dem Termin.« – »Nein, nein«, beeilte sich Persowski zu beschwichtigen, »Sie riechen ganz wunderbar!«, und er merkte, wie ihm die Verlegenheitsröte ins Gesicht schoss. »Bitte, machen Sie sich deswegen keine Gedanken!« – »Ach, Sie mögen den Geruch?«, fragte nun die junge Frau mit einem Grinsen im Gesicht. »Möchten Sie vielleicht ein wenig näherkommen?« Persowski merkte, dass ihm ein weiterer Schwall von Verlegenheitsröte in den Kopf schoss. Er rutschte jetzt unruhig auf seinem Sitz hin und her. »Nein«, stammelte er, »also jetzt nicht etwa ›nein‹, weil ich das nicht möchte … also, ich meine … ach, Sie bringen mich völlig durcheinander. Sie riechen einfach gut, und nun lassen Sie es doch dabei bewenden.«

 

Persowski wünschte sich jetzt nichts mehr, als dass das Gespräch einfach aufhörte und er sich bald in Bonn von der Frau verabschieden könnte, ohne bis dahin weiteren Peinlichkeiten ausgesetzt zu werden. Aber er ahnte bereits, dass ihm dieser Wunsch verwehrt bleiben würde …

 

***

Der Eisblock widmete sich jetzt tatsächlich seinen Bewerbungsunterlagen und beachtete sie offenbar gar nicht mehr. Vanessa wollte ihm ein paar Minuten geben, aber dann musste sie wieder aktiv werden. Gerade, als er wieder ein neues Blatt aus den Unterlagen in die Hand nehmen wollte, fragte sie in die Stille hinein: »Und? Alle Unterlagen schon durchgesehen? Wer soll es denn werden?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie gleich fort: »Ich schlage mal vor, Sie nehmen die nette junge Dame, die obenauf lag.« Mit dieser überraschenden Attacke wollte sie ihn aus der Fassung bringen, und das war ihr auch ganz offensichtlich gelungen, denn er lief puterrot an. Vanessa kostete die Wirkung ihres Florettstiches mit einer kurzen Kunstpause aus. Erst dann holte sie zum nächsten Stich aus: »Ich kenne die junge Frau wirklich gut, und ich kann sie Ihnen nur allerwärmstens empfehlen. Es ist doch Vanessa Hilpert, nicht wahr?« Sie wusste, dass sie nun auf einem schmalen Grat wandelte, denn jede ungeschickte Antwort auf eine seiner kommenden Fragen konnte dazu führen, dass sie sich offenbaren musste. Aber das wäre jetzt eindeutig zu früh gewesen. Sie musste ihn von sich überzeugen, noch bevor er ihre Identität ausmachte. Sie gab sich größte Mühe, den Dialog mit ihm so zu führen, dass sie ihn in die Irre führte, ohne wirklich die Unwahrheit zu sagen. Denn sie wollte später auf jeden Fall behaupten können, dass sie doch alles korrekt beantwortet habe. Sie lächelte in sich hinein. Das Ganze begann, ihr richtigen Spaß zu machen. Sie wusste zwar noch nicht genau, wo sie hin wollte, aber sie war sicher, dass seine offensichtliche Verlegenheit ihr erst einmal in die Karten spielte. Und als er dann auch noch diese dämliche Frage nach den Schwächen stellte, folgte sie einem spontanen Einfall, der ihr helfen sollte, später sogar ihr völlig verschwitztes Aussehen als Malus auszumerzen. »Nein«, antwortete sie auf seine Frage. »Vanessa hat keine wirklichen Schwächen, wenn man von dieser Kleinigkeit absieht, die sie mit mir gemeinsam hat.« Und erst, als er sie fragend anblickte, fuhr sie fort: »Nun, wenn sie aufgeregt ist, beginnt sie schnell zu schwitzen – so wie ich ja auch gerade. Das ist ihr dann immer genau so unangenehm wie mir jetzt …«, und sie konnte dabei ein leises Kichern nicht mehr unterdrücken. Sie hoffte inständig, dass sie jetzt nicht laut losprusten musste, und vor allem, dass der Manager ihr Kichern nicht falsch – oder besser gesagt, richtig – interpretierte. Aber sie hatte sich rasch wieder im Griff.

 

Und tatsächlich versuchte er sie jetzt zu trösten, und er verstieg sich dabei sogar zu: »Wenn Frau Hilpert dabei so gut riecht wie Sie jetzt gerade …« Vanessa hatte ihn jetzt da, wo sie ihn haben wollte. Sie musste ihn nur noch ein wenig weiter heraus locken: »Ja, ich weiß, ich stinke wahrscheinlich hier die ganze Zeit vor mich hin, und Sie müssen das geduldig ertragen. Tut mir wirklich leid. Aber die frische Bluse, die ich in der Tasche habe, ziehe ich erst in Bonn an, kurz vor dem Termin.« Und wirklich gab er ihr daraufhin die Vorlage, auf die sie gehofft hatte: »Nein, nein, Sie riechen ganz wunderbar!«, rief er ohne jede Überlegung aus. Und wie ihm dabei die Verlegenheitsröte ins Gesicht schoss! Jetzt holte Vanessa zum finalen Stich aus: »Ach, Sie mögen den Geruch?«, fragte sie und lächelte ihm dabei demonstrativ zu. »Möchten Sie vielleicht ein wenig näherkommen?«

 

Vanessa jubelte innerlich, als sich ihr Gegenüber mit verlegenem Gestammel aus der Situation zu befreien versuchte und dabei nur noch tiefer in den Strudel der Peinlichkeit geriet. Der arme Kerl war jetzt rot wie eine Tomate. Und plötzlich merkte Vanessa, dass er begann, ihr leid zu tun. So weit hatte sie eigentlich nicht gehen wollen. Wenn sie es so recht überlegte, wurde ihr der arme Kerl in seiner Verlegenheit eigentlich immer sympathischer. Er wirkte auch ganz und gar nicht wie ein abgebrühter Jungmanager. Außerdem sah er wirklich gut aus, und wenn sie ihn unter anderen Umständen kennengelernt hätte – man kann ja nie wissen … Und erst jetzt fiel ihr auf, dass er während der gesamten Zugfahrt kein einziges Telefonat geführt hatte. Ein echter Management-Pinsel hätte ihr doch bestimmt schon mehrfach mit dem Handy seine Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit demonstriert. Dieser junge Mann war offenbar ganz anders, er wirkte wie ein sympathischer Zeitgenosse, den sie nun mit ihren gut gesetzten Attacken in die Enge getrieben und völlig aus der Fassung gebracht hatte. Vanessa war drauf und dran, sich bei ihm zu entschuldigen.

 

Aber dann hatte sie eine bessere Idee – jedenfalls meinte sie, dass es eine bessere Idee sei …

 

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Dass ihm sein Wunsch nach einem entschiedenen Ende der Peinlichkeiten verwehrt bleiben würde, war Persowski bereits im nächsten Moment klar, denn die junge Frau stand jetzt auf und setzte sich in den freien Sitz neben ihm. Sie schob mit Schwung die Armlehne, die ihm noch ein wenig Schutz geboten hätte, nach oben und streckte ihre rechte Hand zu ihm aus, wobei sie ihm wegen der damit verbundenen Drehbewegung nun zwangsläufig äußerst nahe kam. Nicht, dass ihm das unangenehm gewesen wäre – nein, er spürte, dass er begann, diese schlagfertige junge Frau mit ihrer offenen Art und dem wunderbaren Lächeln im Gesicht zu mögen. Aber Persowski fürchtete ihre nächste Attacke. Diese Frau war dabei, ihn völlig aus der Fassung zu bringen, und er konnte ihr nicht einmal einen ernsthaften Vorwurf machen – außer, dass sie sich seiner unüberhörbaren Aufforderung, ihn nicht weiter zu stören, mit einer erstaunlichen Dreistigkeit widersetzt hatte.

 

»Entschuldigen Sie«, hörte er sie jetzt wie von entfernt sagen. »Ich hätte mich längst vorstellen sollen. Vanessa Hilpert.« – Persowski spürte, wie ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Er hatte ja geahnt, dass jetzt eine weitere fürchterliche Attacke bevorstand. Diese Frau hatte ihn doch tatsächlich die ganze Zeit an der Nase herum geführt! Ja, natürlich, warum war er nicht von alleine darauf gekommen? Diese verschränkten Sätze – »kenne sie schon eine Ewigkeit«, »beruflich und privat viel miteinander zu tun«, »arbeiten eng zusammen«, »Hand in Hand« – ja, verdammt, das hätte ihm doch auffallen müssen! Persowski hatte das Gefühl, den Boden unter sich zu verlieren. Aber er nahm wie in Trance ihre Hand und stammelte: »Andreas Persowski – angenehm.« Eine viel größere Lüge als dieses »angenehm« konnte es kaum geben, schoss es ihm durch den Kopf. Aber er dachte zugleich, wie schön es doch werden könnte, wenn er diese Frau an seiner Seite hätte. Eine solche Draufgängerin, einen solchen Wirbelwind als seine Assistentin, das wäre – wie hatte sie sich ausgedrückt? – »ein echter Hit!« Ja, das wäre sie wohl, dachte Persowski, ein echter Hit. Aber wie sollte das jetzt noch gehen, nach all den Peinlichkeiten, denen sie ihn ausgesetzt hatte? Und bei all dem nahm er nun, weil sie ihm körperlich jetzt sehr nahe war, noch intensiver ihren leicht süßlichen Geruch wahr, der ihn irgendwie betörte, wie er sich eingestehen musste. Persowski wurde klar, er wollte diese listige und so hübsche Frau, dieses freundliche Lächeln, diese fröhliche Dreistigkeit künftig jeden Tag um sich haben.

 

Er sah auf die Uhr. Fünfundvierzig Minuten waren es noch bis Bonn. Sollte er noch länger warten? Da er hörte sich mit einem Mal sagen: »Frau Hilpert, Sie sind eingestellt!« Mit der Reaktion von Vanessa Hilpert allerdings hatte er ein weiteres Mal nicht gerechnet. Sie fiel ihm völlig unvermittelt in die Arme, legte ihren schweißnassen Arm um seinen Hals und schluchzte: »Danke!« Persowski dachte in demselben Moment, wie peinlich diese Situation schon wieder war, aber er spürte auch, wie er ihre Nähe und die Berührung genoss. Er konnte nicht anders, als sie ungelenk ebenfalls zu umarmen. Und dann spürte er ihren ganz leichten, aber eindeutig viel zu langen Kuss auf seiner Wange. Und er wusste, dass dies der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte war …