Pfleimenbäume und andere Gedichte


Inhaltsverzeichnis und Leseproben


Vorwort: Pfleimenbäume?

 

 I. MEIN GELIEBTER ALLTAG

Anrufung des Waldschrats

Anja Börsenqueen

Geliebte Sorgen

Sowas darf man doch nicht einfach trinken!

Essen in modernen Zeiten

Ein heißer Kampf

Plagegeister

Brezel an der Wand

Tatort-Blüten

Verfall und Leben

Trennungsschmerz

Alles gut!

Eine Frage an den Trainer

Im Stadion

Dunkle Herbststimmung

Vorweihnachtliche Idylle

Schluss mit dem Silvesterstress!

Der Jüngste Tag im Ländchen?

 

II. WENN DIE POLITIK REGIERT …

Nur sein Automat

Grexit-Fieber

Live-Geschalte

Bit für Bit

Nach Diktat verreist

Was ich mag …

Wir schaffen das!

Massentierhaltung

Globalisierter Kreislauf

Logollhoe

 

III. WILDE TIERE

Tapetenwechsel

Die Wende

Wohnungssuche

Das glückliche Maulwurfskind

Ganz einfach

Kollateralschäden

Der arme Bücherwurm

Der wildeste Westen

 

IV. GROẞE KUNST UND KLEINER REIMZWANG

Des Dichters Logik

Reimeskunst

Nachtgedicht

Das zerbrochene Kunstwerk

Sonetto Westfalico

Das Reimen ist nicht schwör

Pfleimenbäume

Interpunktions-Sonett

Loch und Nichtloch

Ich mag die Texte nicht vom Grass

 

V. DURCHGESCHÜTTELT

Im halben Schutzend durchgedüttelt

Westfälischer Rüttelschleim

Wachtberg – ungerührt geschüttelt

 

VI. 111 SÄTZE MIT …

karminrot

Geländer

Winnetou, Apache

Bavaria

Dubai

Leopard

Volt, Ampere

Derivate

Grizzlybär

Sisyphos

Venezuela

Kanone

Magma

Nikosia

Sardinien

Salamander

Poesie

Manchester

Fronleichnam

Malediven

Warschau

Logorrhoe

Mussolini

manisch

Garnison

merkantil

Sabbatjahr

Mailand

Forsythien

Rosmarin

Gratin

sanieren

Negligé

distinkt

Paradies

Vodafone

Distanz

Airport

Cornwall

Vogesen

Magister

Kandis

Kanister

Aserbaidschan

Gardasee     

(Fortsetzung)

 

Bodensee

Melone

analog

Wasserstoff

Botenstoff

Marihuana

Veranda

Teetasse

Wimbledon

Inverness

Vernissage

konservativ

Schuldenerlass

Chrysanthemen

Kandelaber

Massagen

Berkum

Thüringen

Mäander

Magazin

Saarbrücken

Stativ

Kuwait

Schirmständer

Lagerfeld

Lachsforellen

somatisch

Overath

Kakteen

Proviant

Bahrain

Volatilität

Ottawa

Cannabis

Wermut, Absinth

servieren

Zahnpasta

probat

Provision

Klamotten

schikanieren

Ägypten, Tirana

Baldrian

Vatikan

Eremitage

Beletage

Kammerspiele

Altona

Grafenwerth

Weilerswist

Harfen, Klavier

Kaffee

Zylinder

Obsession

Projektiv

Design

Vattenfall

Ventil

Diebesgut

malträtieren

Malteser

Bundeswehr

Seemannsgarn

Göteborg

Dekan

Container

 

VII. LYRISCHE KRIMI-ECKE

Lyrischer Kurzkrimi: Der Butler war es nicht

Die mörderische Kraft der Poesie

Eine andere Geburt im Stall

 

VIII. NEUE LIMERICKS

Der Seher

Weltuntergang

Dumm gelaufen

Ganz viel(e) Grieben

Künstler in Grieben

Domina in Grieben

Gegen die Uhr

Fritz Langner kam zwar nicht aus Spay …

Im Muttental

Das Schlossgespenst

Ehrverzicht

Fehleinschätzung

Nach 300 Metern rechts abbiegen

Mückenjagd

Wenn die Haxen zu klein sind

Karl Valentin lässt grüßen

Der sichere Fong

Abwehrbetong

Der kleine grüne Kaktus

Imaginäre Zahlen

Limericks sind einfach zu kurz

Playboy auf Sylt

Herz Dame

Zu dicht

Sportlicher Sportwagenfahrer

Am Baggersee

Berge in Flandern

Weihnachtsmarkt

 

Anmerkung des Autors und Danksagung

 

Zum Autor



Pfleimenbäume?

 

»Was wäre Lyrik ohne Reimen?

Ein Pfleimenbaum, ganz ohne Pfleimen!«

(siehe Seite 81)

 

Trifft man in der heutigen Zeit auf Lyrik, die nicht nur als Geburtstagsständchen vorgetragen werden soll, so ist es sehr wahrscheinlich, dass auf einengende Formen verzichtet wird. Ein festes Metrum und vor allem der Endreim gelten unter Vertretern der modernen Lyrik als verpönt.

 

Dabei hatte das gereimte Gedicht, durchaus auch als Gelegenheits- oder Gebrauchslyrik gemeint, zumeist mit einer heiteren, ironischen oder satirischen Konnotation versehen, im zwanzigsten Jahrhundert noch eine Blütezeit. Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie Christian Morgenstern, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Eugen Roth oder Kurt Tucholsky haben diese Kunst auf höchstem Niveau gepflegt.

 

Später haben dann Dichter wie Heinz Erhardt oder einige Jahre später die »Neue Frankfurter Schule« um F.W. Bernstein und Robert Gernhardt der komischen Lyrik ganz neue Impulse gegeben. Und selbstverständlich werden auch heute noch herrliche Reimgedichte geschrieben. Zum Beispiel bietet die »Wahrheitsseite« der taz an jedem Donnerstag ein neues Beispiel für die hohe Kunst des komischen Reimgedichtes.

 

Es ist schön, dass sich jenseits des Mainstreams der modernen Lyrik noch immer Dichter finden, die sich dieser Tradition verpflichtet fühlen. Auch Herbert Reichelt gehört dazu. Seine häufig (selbst)-ironischen Verse regen zum Schmunzeln an, und Liebhaber der komischen Lyrik werden ihre Freude daran haben.

 

Nach »Gedanken verloren« legt Herbert Reichelt nun bereits seinen zweiten Lyrikband vor, und wir dürfen uns über einen bunten Strauß komischer Gedichte freuen, die – einmal mehr – nicht nur den Alltagstücken nachempfunden sind, sondern ebenso aktuelle politische Ereignisse aufgreifen. Daneben finden sich aber erneut Verse, die Reichelts Spaß am puren Nonsens und seine Liebe zu den Gedichten Heinz Erhardts erkennen lassen. Ganz neu dabei sind Ausflüge in das Genre des lyrischen Kurzkrimis, die allerdings genauso wenig ernst daherkommen wie alles andere in diesem Band.

 

Im April 2016, Jürgen Laue

(Vorstandsvorsitzender des Kunstvereins Bad Godesberg)




Geliebte Sorgen

 

Ich suche täglich schon am Morgen

nach neuen und gebrauchten Sorgen.

Die neuen sind ein wahrer Kick,

doch find’ ich auch gebrauchte schick.

 

Ich denk’: »Ach Gott, wie ist das schön,

mit Sorgen in den Tag zu geh’n!«

Ich stehe in der dunklen Diele

und frag’: »Wenn jetzt der Strom ausfiele,

 

wie fände ich mich dann zurecht?«

Die Sorge ist schon mal nicht schlecht.

Die habe ich fast jeden Tag,

weil ich sie einfach gerne mag.

 

Und gleich kommt mir der nächste Wahn:

»Was, wenn aus diesem Wasserhahn

ganz plötzlich nicht mehr Wasser käme,

sondern Brühe, braun vom Lehme?«

  

 

Die Sorge ist schon ziemlich alt,

und dennoch lässt sie mich nicht kalt.

Scheint die Sonne, welch’ ein Segen,

bin ich sicher: »Bald gibt’s Regen.«

 

Lässt der Regen sich nicht locken,

fürchte ich: »Es wird zu trocken,

es verdursten Tier und Pflanze.

Ach, wie schrecklich ist das Ganze!«

 

Doch fehlt mir noch ein echter Kick,

ein neuer sorgenvoller Blick.

Jetzt kommen mir ganz and’re Sorgen:

»Könnte ich vielleicht schon morgen

völlig sorgenfrei erwachen? –

Ach, so ein Blödsinn! – Echt zum Lachen!«





Der Jüngste Tag im Ländchen?

 

Der Himmel, er verdunkelt sich

in Leimersdorf und Oeverich.

Der Sturm legt alle Bäume flach,

in Birresdorf und Unkelbach.

 

Was spielt sich ab am Himmelszelt,

in Berkum und in Pennenfeld?

Das Wasser tobt und schäumt, oh Schreck,

im Rhein bei Bonn und Rolandseck.

 

Oh, steh uns bei, du lieber Gott,

es blitzt und brennt in Villiprott.

Bebt schon des Rodderbergs Vulkan?

Oh Herr, was haben wir getan?

 

Vom Himmel droben folgt ein Schlag.

Ein Seher jauchzt: »Der Jüngste Tag!«

Ein Priester brüllt hinein ins Grollen:

»Oh Herr, das könnt Ihr doch nicht wollen!«

 

Von oben ruft’s: »Ach was – gemach!

Mir war nur einfach mal danach.«

 





Nach Diktat verreist

 

Brief an Minister Badeweile

Persönlich ANSCHRIFT NEUE ZEILE

dann FETT Betreff und DOPPELPUNKT

Umgehungsstraße in Großmunckt

 

ANREDE ABSATZ großes Sie

erahnen sicher KOMMA wie

ich Sie und Ihre Arbeit schätze

und wie ich mich doch jeder Hetze

 

entgegenstellte KOMMA die

Ihr Wirken oder sogar Sie

persönlich diffamieren wollte

PUNKT Und gerade deshalb sollte

 

Ihnen bitte auch gelingen

KOMMA Planern beizubringen

KOMMA dass jetzt für Großmunckt

gänzlich umgeplant wird PUNKT

 

ABSATZ Und ich bitte sehr

KOMMA dass dann der Verkehr

nicht derart nah an meinem Haus

vorbeidröhnt PUNKT Sonst bin ich aus

 

plausiblen Gründen nicht bereit

KOMMA Sie bei jedem Streit

wie bislang zu unterstützen

PUNKT Das wird dem Gegner nützen

 

KOMMA und für Sie wär’s schade

AUSRUFZEICHEN Und Herr Bade-
weile KOMMA ich seh mich

dann in Zukunft leider nicht

 

 

mehr in der Lage KOMMA Sie

und die Partei so kräftig wie

bisher mit Spenden zu bedenken

PUNKT Und auch mit den Geschenken

 

für Kind und Gattin wär’s vorbei

GEDANKENSTRICH ich bin so frei

DOPPELPUNKT Mein schönes Haus

in Spanien KOMMA das wär aus

 

RUFZEICHEN Ach Herr Badeweile

KOMMA bin jetzt doch in Eile

PUNKT Dass klar ist DOPPELPUNKT

Die Straße um den Ort Großmunckt

 

führt sicherlich woanders her

PUNKT Ich frag mich KOMMA wer

will wirklich Lärm vor meinem Bau

FRAGEZEICHEN Ich vertrau

 

ganz fest und sicher nun darauf

KOMMA dass sich wer dem Lauf

der Sache freundlich widmen muss

AUSFUFZEICHEN ABSATZ SCHLUSS

 

Dann ABSCHLUSSKRAM mit lieben Grüßen

KLAMMER AUF und auch der süßen

Frau Gemahlin alles Gute

KLAMMER ZU Ihr Gottlieb Ruthe





Die Wende

 

Mit aller Kraft bohrt sich ein Wurm

tief in die Erde, doch ein Sturm

bringt Regengüsse ohne Ende.

Der Wurm denkt, besser ist’s, ich wende.

 

Er guckt heraus aus seinem Loch,

und sieht dabei so gerade noch

die Amsel, die sich sichtlich freute,

ob dieser wirklich fetten Beute.

 

Ja, manchmal ist so eine Wende

doch nur der Anfang von dem Ende.




Pfleimenbäume

 

Nur keine Jamben! – Herze dies!

Das Metrum will Dich nur begängeln

In tiefklammer Enge, die Schatten weiter wirft

Ein Stabreim

Mag wohl sein, darf dürfen – vielleicht

Doch niemals drechsle diesen End-

Reim, der sich meiden lässt

 

Ganz wichtig: Mindest 1mal un-

Vermittelt Wort zu trennen

Bedeutungsschwanger schwebt verquer-

Ter Wortfetz am Übergang der Zeile

 

Und wage Neues!

Lass klungen nie gewesenes Wort-

Getüm, das ungebändigt in den Raum

Der Lyrik staunt

 

Doch nun:

Genug gelyrikt ohne Takt und Reimen!

Wer mag denn Pfleimenbäume ohne Pfleimen?




Sätze mit ...

 

Volt, Ampere

Von mir Volt Anna gar nichts mehr.

Vermutlich lag das nur Ampere.

 

Sabbatjahr

Lass bitte deinen Hund mal da,

der fiese Köter Sabbatjahr!

 

Airport

Sie trinken Wein in einem fort,

sie den Riesling und Airport.